Phaethon: Leuke extra info

Der Phaethonmythos bei Ovid und die Rezeption von Magda van Tilburg
durch: Saem Shin


Intro Thesis

Hoe vond je het verhaal over Phaethon, dat overmoedige zoontje van de Zonnegod?
Wil jij er méér over weten? Dat kan! In Duitsland woont een (nu voormalige) scholiere die dat ook wilde na het lezen van deze stripversie. Saem Shin zat destijds op het Karl Theodor V Dalberg Gymnasium in Aschaffenburg. In 2011 schreef ze deze eindexamenscriptie, in het Duits heet dat een ‘Facharbeit’.

Deze scriptie is uniek omdat Shin de versie van Ovidius kritisch vergelijkt met de stripversie. Stopt de illustratrice on-Romeinse sentimenten in het verhaal? Als je de Duitse taal niet eng vindt, kun je veel leuke verschillen ontdekken!

Inhalt

  • 1 Kontrast zwischen antiker Dichtung und Comicrezeption – Einleitung
  • 2 Ovids Epos – die Metamorphosen                                                                               
    2.1 Aus dem Leben und Werk von Publius Ovidius Naso
    2.2 Die Metamorphosen – Entstehungsgeschichte
    2.3 Die Metamorphosen – Aufbau und Inhalt
    2.4 Die Metamorphosen – Ein Produkt Ovidischer Raffinesse
    2.5 Die Metamorphosen – Aitiologie
  • 3 Der Phaethonmythos bei Ovid                                                                        
    3.1 Inhalt des Phaethonmythosʼ
    3.2 Übersetzung des Textabschnitts (II,19-34) – Die erste Begegnung zwischen Phaethon und Sol
    3.3 Interpretation – Phaethon als Opfer seiner eigenen Hybris
    3.4 Interpretation – Die bedeutsame Metamorphose im Phaethonmythos
  • 4 Der Phaethonmythos bei Magda van Tilburg                                    
    4.1 Die Illustratorin Magda van Tilburg
    4.2 Abweichungen zu Ovids Phaethonmythos
    4.3 Sprachliche Ausgestaltung des Comics
    4.4 Zur Aussagekraft der Bilder
    4.5 Intention Magda van Tilburgs
  • 5 Aktualität des Themas – Ausblick                                                       
  • 6 Literaturverzeichnis

§1

1. Kontrast zwischen antiker Dichtung und Comicrezeption – Einleitung [1]

ster-turqQualitativ hochwertige antike Dichtung bekannter römischer Schriftsteller in Comics mit ausdrucksstarken Farbbildern zu präsentieren: Dieser ungewöhnliche Gedanke scheint aufgrund des nicht zu verleugnenden, enormen Niveauunterschieds unrealistisch und absurd.

ster-turqDie Illustratorin Magda van Tilburg ist sich dieser Kluft zwar bewusst, wagt es aber dennoch, diese starken Gegensätze miteinander zu verknüpfen. Dabei spricht sie nur die kleine Zielgruppe an, welche des Lateinischen mächtig ist und gleichzeitig Interesse an Comics zeigt.

ster-turqZum einen trifft dies auf junge Menschen zu, die in ihrer Schullaufbahn mit der lateinischen Sprache in Kontakt kommen, zum anderen aber auch auf ein älteres, gebildetes Publikum, welches van Tilburg erneut für die Sprache der Römer begeistern will. [2]

ster-turqDie Frage, ob van Tilburg ihre außergewöhnliche Idee umsetzen konnte und ob ihre Arbeit mit Erfolg gekrönt ist, wird sich im Folgenden zeigen, nachdem der Phaethonmythos bei Ovid dargelegt wurde.

_____
[1] Vgl. http://www.magdavantilburg.com, aufgerufen am 15.03.2010.
[2]
Vgl. Korrespondenz mit Magda van Tilburg im Anhang auf Seite 30.

§2


2. Ovids Epos die Metamorphosen [3]

♦   2.1 Aus dem Leben und Werk des Publius Ovidius Naso

Publius Ovidius Naso –  berühmt geworden durch sein episches Werk  Metamorphosen – beherrschte die Kunst der Poesie und gilt somit als einer der größten Dichter der Antike.

Er wurde 43 v. Chr. in Sulmo in der Nähe von Rom in eine wohlhabende Adelsfamilie geboren. Dem Wunsch seines Vaters entsprechend studierte Ovid Rhetorik und trat die Ämterlaufbahn an, widmete sich jedoch bald ausschließlich der Dichtung. Damit traf er bei seinem Vater auf wenig Verständnis: „Saepe pater dixit: ,studium quid inutile temptas? // Maeonides nullas ipse reliquit opes.‘ “ [4] Mit den Worten  „et quod temptabam scribere, versus erat.“ [5] wendete sich Ovid als Mitglied des von Marcus Valerius Messalla gegründeten Dichterkreises ganz der Poesie zu. Anders als seine zeitgenössischen Dichterkollegen Properz, Tibull, Horaz und Vergil konnte Ovid als Jüngster kaum vom Schrecken der Bürgerkriege geprägt werden, sondern durchlebte die Wende von der Republik zum Prinzipat unmittelbar. Seine Schaffenszeit ist dabei mit der augusteischen Regierungsdauer übereinstimmend.

In jungen Jahren sich nicht mit der Politik, sondern hauptsächlich mit dem Thema „Liebe“ befassend, schrieb er die Amores, erotische Liebesgedichte, die Ratschläge geben, wie man einen Lebenspartner für sich gewinnen kann. Außerdem dichtete er die mittlerweile verloren gegangene Liebestragödie Medea. Nach der Vollendung der Heroides (fiktive Briefe mythischer Heldinnen) verfasste Ovid in einem elegischen Versmaß die Gedichte De medicamine faciei femineae (Kosmetik des weiblichen Gesichtes), Ars amatoria, in der die Liebe als Kunstfähigkeit dargestellt wird, und als Antithese dazu die Remedia amoris (Heilmittel gegen das Verliebtsein). Erst dann kreierte er seine beiden umfangreichsten Dichtungen Fasti, ein Werk über den römischen Festtagskalender [6] und das Epos Metamorphosen, in denen Ovid, wie beispielsweise Properz und Gallus, verschlüsselte Kritik an der Engstirnigkeit des Kaisers Augustus übt, da Krisen aufgrund der augusteischen Alleinherrschaft auftraten.

Die überraschende Wende im Leben Ovids trat 8 n. Chr. auf dem Höhepunkt seiner dichterischen Karriere ein, als Kaiser Augustus ihn auf Lebenszeit nach Tomis am Schwarzen Meer verbannte.[7] Offizieller Grund für diese Strafe war die Veröffentlichung des Werkes Ars amatoria, dessen Inhalt dem Kaiser moralisch inakzeptabel schien, weil es den Ehegesetzen widersprach. Zum anderen jedoch verlor Ovid die Gunst des Augustus, da er das Verhalten seiner Enkelin Julia als unsittlich bezeichnete.[8] In Tomis entstanden zwei bedeutsame Sammlungen von Klage-Elegien: Tristia und Epistulae ex Ponto, in denen die unerträgliche Situation Ovids in diesem barbarischen Umfeld beschrieben und der sehnlichste Wunsch, nach Rom zurückzukehren, geäußert wird. Ovids Versuche um Begnadigung blieben erfolglos. 17 n. Chr. starb er in Tomis.
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[3] Folgendes Kapitel bezieht sich im Wesentlichen soweit nicht anders angegeben auf  S. Döpp, Werke Ovids, München 1992, 9-28 und 117-130 und H. Breitenbach, Publius Ovidius Naso –Metamorphosen – Epos in 15 Büchern, Zürich 1958, 7-28.
[4]
Tristia VI, 10: Übersetzung: „Oft sprach der Vater zu mir: ,Warum versuchst du dich an brotlosen Künsten? Selbst Homer hinterließ keine Reichtümer.‘ “
[5]
Tristia VI, 10: Übersetzung: „Was ich zu schreiben begann, wurde mir immer selbst zum Vers.“
[6]
Ovid behandelte die ersten sechs Monate, vollendete sein Werk jedoch nicht.
[7]
Diese Verbannung wurde ohne Gerichtsverfahren in der gemilderten Form einer relegatio vollzogen, das heißt, der Dichter durfte seinen Besitz und seine Bürgerrechte behalten.
[8]
G. Fink, Meisterwerke kurz und bündig – Ovids Metamorphosen, Zürich 2000, 12-19.

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♦   2.2 Die Metamorphosen – Entstehungsgeschichte

Ovid legte im Laufe der Jahre immer mehr Wert auf die Mythen- und Sagenwelt in seiner Dichtung, so dass ein episches Werk wie die Metamorphosen auch aufgrund der versteckten Kritikmöglichkeit an den Kaiser beinahe zu erwarten war. [9]

In Ovids Werk Amores spielt die Liebe eine zentrale Rolle, nur vereinzelt wird dabei eine Sage erzählt. Im später verfassten Gedicht Ars amatoria ist erkennbar, dass in der darin befindlichen Sage Daedalus et Icarus die Mythologie einen höheren Stellenwert als die Kunst einnimmt. Man kann also während Ovids Schaffenszeit ein größer werdendes Interesse für mythische Themen beobachten. Unklar ist jedoch, wann er mit der Ausarbeitung der Metamorphosen begonnen hat. [10] Häufig wird Heteroiumena [11], geschrieben von Nikander, ein im 2. Jh. v. Chr. berühmter griechischer Dichter aus Kolophon, als Quelle Ovidischer Sagendarstellung genannt. Indem Ovid die Metamorphosen als ein adhuc crescens et rude carmen [12] bezeichnet, soll der Leser erfahren, dass seinem Meisterwerk noch der letzte Schliff fehlt. [13] Trotzdem gewann das Epos seit seinem Erscheinen einen so hohen Stellenwert bei den römischen Schriftstellern und Poeten, dass es einen immensen Einfluss sowohl auf die Literatur als auch auf die bildende Kunst hatte.

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[9]
U. Schmitzer, Zeitgeschichte in Ovids Metamorphosen, Stuttgart 1900, 89-107.
[10]
Verbreitet ist die von Pohlenz 1913 entwickelte Ansicht, Ovid habe mit der Niederschrift der Metamorphosen nach Vollendung der Ars amatoria im Jahre 1 v. Chr. angefangen. F. Bömer, P. Ovidius Naso Metamorphosen – Addenda, Corrigenda, Indices, München 1988, 49 – 50.
[11]
Heteroiumena umfasst fünf Bücher, die fast restlos verloren gegangen sind. Durch die Nacherzählung von einem Prosaschriftsteller namens Antonius Liberalis sind jedoch 25 seiner Mythen erhalten geblieben.
[12]
Tristia I, 7,21: Übersetzung:  „ein noch wachsendes und unvollendetes Gedicht“.
[13]
Tristia von Ovid I, 7, 29-30: „Ablatum mediis opus est incudibus illud // Defuit et scriptis ultima lima meis.“ Übersetzung: „Fort vom Amboss ward mir das Werk aus den Händen genommen // So fehlt dem, was ich schreibe, leider das letzte der Schliff.“

H. Breitenbach, Publius Ovidius Naso – Metamorphosen – Epos in 15 Büchern, Zürich 1958, 2-3.

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♦ 2.3 Die Metamorphosen – Aufbau und Inhalt

Das Epos ist ein aus circa 12000 Hexametern verfasstes mythologisches Werk über Verwandlungen. 15 Bücher – aus jeweils 700-900 Versen bestehend – behandeln Metamorphosen, in denen meist ein menschliches Wesen in einen Bestandteil der unbelebten Natur, des Pflanzenreichs oder der Tierwelt verwandelt wird. Beginnend mit der Entstehung der Welt aus dem Chaos und einer großen Sintflut, die nur ein Menschenpaar (Deukalion und Pyrrha) überlebt, endet das Werk mit dem Katasterismos [14] Caesars. 250 Verwandlungssagen werden dabei erzählt.

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[14] Katasterismos bedeutet Verwandlung in einen Stern / Verstirnung.


roze balk♦ 2.4 Die Metamorphosen – Ein Produkt Ovidischer Raffinesse

Kallimachos (310-240 v. Chr.) – eine der einflussreichsten Persönlichkeiten unter den Dichtern zur Zeit des Hellenismus – war der Auffassung, dass die Blütezeit des Epos vorbei sei und nur kurze poetische Werke zukünftig Bestand hätten. Der Kreis der Neoteriker [15] folgten den Ansichten des Kallimachos. Ovid ließ sich jedoch nicht von seinem Vorhaben abbringen und dichtete ein großes, aus kürzeren und längeren Epyllien [16] zusammengesetztes von ihm auch perpetuum carmen [17] genanntes Epos, die Metamorphosen. Es besteht zwar aus einzelnen Verwandlungsgeschichten, kann jedoch hinsichtlich der verschiedenen psychischen Konstellationen und Geschehnissen zu einem Ganzen zusammengefasst werden. Des Weiteren bietet das Werk eine große Bandbreite seelischer Auseinandersetzungen, die durch Emotionen wie zum Beispiel Hass, Liebe und Eifersucht hervorgerufen werden.

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[15] 50 v. Chr. entstand in Rom der Dichterkreis der Neoteriker, der – nachhaltig geprägt vom Epikureismus – desinteressiert an der Politik war. Er lehnte umfangreiche Epen und Dramen ab. Stattdessen verfassten die Anhänger ausgefeilte Kleingedichte (Elegien, Epigramme) nach hellenistischen Vorbildern, in denen subjektive Empfindungen, private Interessen und Erlebnisse im Vordergrund standen.
[16]
Das Epyllion (altgriechisch: „kleines Epos“) ist eine Dichtungsform, die mythische oder historische Geschehnisse in Hexametern schildert.
[17]
Übersetzung: „ununterbrochen fortgeführtes Gedicht“. S. Döpp, Werke Ovids, München 1992, 124.

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♦ 2.5 Die Metamorphosen – Aitiologie

Im Gegensatz zu Ovids psychologischer Ausrichtung wendet der Autor Nikander sich hauptsächlich der Aitiologie, der Wissenschaft der Ursachen, zu. Das heißt er befasst sich ausführlich mit den Ursprungserklärungen von Namen, Ritualen und Naturerscheinungen, Aition genannt. Bereits einige Jahrhunderte zuvor verfasste Kallimachos vier Bücher über solche Ursachen in elegischen Versen.

Diese Aitia finden sich auch in den Metamorphosen. Beispielsweise stürzt Icarus ins Meer in der Nähe einer Insel, die heute unter dem Namen Ikaria bekannt ist. Des Weiteren wird im Buch III (340-510) die Geschichte von Narcissus und Echo erzählt, in der die Nymphe [18] Echo auf den Laut des Widerhalls reduziert wird. Auch heute noch versteht man unter dem Begriff Echo den Nachklang von Lauten. Außerdem gibt Narcissus der symbolisch für Eitelkeit und Selbstverliebtheit stehenden Blume Narzisse seinen Namen. So haben folglich einige Benennungen ihren Urspung in Ovids Metamorphosen.

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[18] Nymphen sind weibliche Gottheiten niederer Ordnung oder Begleiterinnen höherer Götter wie zum Beispiel Aphrodite.

§3


3. Der Phaethonmythos bei Ovid

♦3.1 Inhalt des Phaethonmythos*

Die Liebesaffäre zwischen Jupiter und der Normalsterblichen Io hatte ein Kind namens Epaphus zur Folge. Dieser Sohn unterhält sich mit dem gleichaltrigen Phaethon, seinerseits ebenfalls ein Halbgott, über seine Abstammung. Dabei unterstellt er Phaethon, dieser sei nicht der Sohn des Sonnengottes Sol. [20] Wutentbrannt aufgrund dieser provokanten Behauptung eilt Phaethon zu seiner sterblichen Mutter Klymene, die ihm seine göttliche Herkunft versichert. Unzufrieden mit dieser Aussage macht er sich auf den Weg zur Sonnenburg, um dort von Sol die Wahrheit zu erfahren.

Nachdem Phaethon im Tempel angekommen ist, bestätigt Sol nicht nur die Vaterschaft, sondern er schwört auch bei Styx [21], dem Sohn einen Wunsch zu erfüllen. Ohne zu zögern verlangt Phaethon, den Sonnenwagen über den Himmel lenken zu dürfen, woraufhin Sol sein Versprechen bereut. Trotz der ernsten Bedenken und Warnungen des Vaters bleibt Phaethon bei seinem Vorhaben. Vor Beginn der Fahrt gibt Sol seinem Sohn genaue Anweisungen und Ratschläge. Auf sich alleine gestellt, kann Phaethon jedoch das Gespann schon bald nicht mehr auf der vorgeschriebenen Himmelsbahn halten, denn schnell spüren die Sonnenpferde [22], dass ein Unerfahrener die Zügel hält. Folglich stürmen sie zur Erde, wo furchtbare Brände Wälder und Städte zerstören und aufgrund der entsetzlichen Hitze Flüsse und Quellen austrocknen. Ehemals fruchtbare Gebiete werden zu Wüsten, katastrophale Erdbeben erschüttern die Welt und Berge lodern in feuriger Glut.

Die Klage der Erdenmutter Tellus erhörend, schleudert Jupiter einen Blitzstrahl auf den Wagen, um die Zerstörung zu beenden. Dabei stürzt Phaethon in den Eridanus [23], wo Flussnymphen ihm einen Grabstein setzen. Dort werden seine Schwestern, die Heliaden, da sie den Tod des Bruders untröstlich beweinen, in Pappeln verwandelt, wobei ihre Tränen zu Bernstein gerinnen. Phaethons Halbbruder Cygnus, der das Feuer nun verabscheut, wird wegen seiner Klagen in einen Schwan verwandelt, dessen Lebensraum das Wasser ist, welches das Kontrastelement zum Feuer darstellt.  Sol klagt Jupiter vor Wut und Verzweiflung über den Verlust seines Sohnes an. Trotz seiner Trauer befreit Sol jedoch – angefleht von allen himmlischen Göttern – die Welt von der dunklen Finsternis.

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* Der Inhaltsangabe liegt folgender Übersetzung zugrunde: H. Breitenbach, Publius Ovidius Naso – Metamorphosen – Epos in 15 Büchern, Zürich1958, 66-107.
[20]
Vgl. S. M. Wheeler, Narrative Dynamics in Ovid’s Metamorphoses, Tübingen 2000, 66-69.
[21]
Styx ist in der griechischen Mythologie neben Acheron, Lethe, Kokytos, Phlegethon und Eridanus ein Fluss der Unterwelt.
[22]
Die Sonnenrosse Pyrois, Aethon, Eous und Phlegon tragen sprechende Namen: „der Feurige“, „der Funkelnde“, „der Morgendliche“ und „der Brennende“.
[23]
Der Eridanus ist der Fluss Po in Norditalien.

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♦ 3.2 Übersetzung des Textabschnitts (II,19-34) – Die erste Begegnung zwischen Phaethon und Sol*

Quo simul adclivi Clymeneia limite proles
venit et intravit dubitati tecta parentis,                            
20
protinus ad patrios sua fert vestigia vultus
consistitque procul; neque enim propiora ferebat
lumina: purpurea velatus veste sedebat
in solio Phoebus claris lucente smaragdis.
a dextra laevaque Dies et Mensis et Annus                       
25
Saeculaque et positae spatiis aequalibus Horae
Verque novum stabat cinctum florente corona,
stabat nuda Aestas et spicea serta gerebat,
stabat et Autumnus calcatis sordidus uvis

et glacialis Hiems canos hirsuta capillos.                          30
Inde loco medius rerum novitate paventem
Sol oculis iuvenem, quibus adspicit omnia, vidit
‘quae’ que ‘viae tibi causa? quid hac’ ait ‘arce petisti,
progenies, Phaethon, haud infitianda parenti?’

Als der Sohn der Klymene nun auf einem ansteigenden Pfad dorthin gelangte und das Haus des Mannes betrat, dessen Vaterschaft er anzweifelt, trugen ihn seine Schritte unverzüglich dem Antlitz des Vaters entgegen, doch machte er in der Ferne Halt. Denn er ertrug die näherkommenden Lichtstrahlen nicht. In einem Purpurgewand verhüllt, saß Sol in einem von hellen Smaragden leuchtenden Thron. Rechts und links waren Tag, Monat und Jahr sowie die Jahrhunderte und Stunden in gleichen Abständen angeordnet. Auch der junge Frühling stand, umhüllt von einer blühenden Krone, da, sowie der unbekleidete Sommer und trug einen Ährenkranz. Der Herbst stand, bespritzt von getretenen Trauben und der eisige Winter stand mit grauen und struppigen Haaren. Von seinem Platz in der Mitte sah Sol den sich infolge des ungewöhnlichen Erlebnisses ängstigenden Jüngling mit seinen Augen, mit denen er alles erblickte. „Was ist der Grund deiner Reise?“, sagte er, „Was hast du in dieser Burg gesucht, mein Sohn Phaethon, welchen der Vater niemals verleugnete?

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* Hier und alle weiteren Übersetzungen von E. Rösch, Ovids Metamorphosen, München 1980, 46-47.

roze balk♦3.3 Interpretation – Phaethon als Opfer seiner eigenen Hybris

Mit den einleitenden Worten „Progenies, Phaethon, haud infitianda parenti.“ [25] empfängt Sol Phaethon mit offenen Armen. Wäre lediglich die Neugierde der ausschlaggebende Impuls für die Klärung der Herkunft Phaethons, müsste der Anlass für dessen Anwesenheit im Palast bereits erfüllt sein. Da Phaethon trotz der Enthüllung seiner Abstammung einen Ritt mit dem Sonnenwagen fordert, welcher in einer Katastrophe endet, scheint demzufolge ein anderer psychologisch tiefgründigerer Beweggrund zu existieren.

Schon zu Beginn der Geschichte wird der Halbgott Phaethon als stolzes Wesen beschrieben. [26] Doch bereits im Zwiegespräch mit Epaphus wird sein scheinbar starkes Selbstbewusstsein geschwächt und sein göttliches Selbstbild derart in Frage gestellt, dass ihm die erste Beteuerung seines Vaters nicht genügt und er die Bestätigung seiner göttlichen Abstammung zu erlangen hofft, indem er die göttliche Pflicht seines Vaters ausführen darf.

Diese psychologische Erklärung klingt zwar plausibel, aber die Tatsache, dass Phaethon nicht von seinem Vorhaben abweicht, bleibt bisher unberücksichtigt, obwohl Sol ihn auf sein Los der Sterblichkeit hinweist[27], vor den auf dem Weg lauernden Gefahren warnt und ihm zu verstehen gibt, dass er der Aufgabe, die wilden Pferde zu bändigen, nicht gewachsen ist[28]. Des Weiteren fragt Sol ihn, ob denn die Sorge um den eigenen Sohn nicht Beweis genug sei: „Et patrio pater esse metu probor.“[29]. Da jener jedoch daraufhin immer noch nicht einlenkt [30], kann ab diesem Zeitpunkt die durch Epaphus zugefügte seelische Wunde zumindest nicht als einzige Ursache, weshalb Phaethon nach dem Sonnenwagen verlangt, bestehen bleiben.

Angesichts des Sachverhaltes, dass Phaethon trotz göttlicher Herkunft sterblich ist, kann behauptet werden, dass Phaethon sich der Maßlosigkeit – in der griechischen Klassik auch als Hybris bezeichnet – hingibt, als die göttliche Pracht seines Vaters ihn bei der Ankunft im Sonnenpalast überwältigt. Indem er die Fahrt mit dem Sonnenwagen zu meistern versucht, scheint Phaethon für sich selbst eine Transformation seines irdischen Daseins in eine gottähnliche Existenz zu erhoffen. Aufgrund menschlicher Begrenztheit ist er dazu jedoch nicht in der Lage, diese Herausforderung zu bewältigen und muss deshalb mit seinem Leben bezahlen.

Folglich ist der Streit mit Epaphus zu Beginn der Erzählung der Anlass dafür, dass das Interesse für die angezweifelte göttliche Herkunft Phaethons geweckt wird. Diese Eingangsepisode, welche eine tiefe Narbe bei ihm hinterlassen hat, ist jedoch nur der Anstoß für den Handlungsverlauf. Die tatsächliche Ursache seines Todes ist einzig und allein seine Hybris, denn sie stellt ein richtungsweisendes Handlungsmotiv der Erzählung dar, welches schließlich für den verheerenden Weltenbrand ausschlaggebend ist.

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[25] Metamorphosen II, 34: Übersetzung: „Mein Sohn, welchen der Vater niemals verleugnete.“
[26]
Vgl. Metamorphosen I, 751: „…Phoeboque parente superbum…“ Übersetzung: „…stolz auf seinen Vater Sol…“
[27]
Vgl. Metamorphosen II, 56: „Sors tua mortalis“ Übersetzung: „Sterblich zu sein ist dein Los.“
[28]
Vgl. Metamorphosen II, 86: „In promptu regere est: vix me patiuntur“ Übersetzung: „Sie [die Pferde] zu regieren ist schwer. Kaum ich vermag sie zu lenken.“
[29]
Metamorphosen II, 92: Übersetzung: „Dass ich dein Vater bin, beweist doch die Angst des Vaters.“
[30]
Vgl. Metamorphosen II, 103f.: „Finierat monitus; dictis tamen ille repugnant // Propositumque premit flagratque cupidine currus.” Übersetzung: „Damit endet die Mahnung; doch er widersetzt sich den Worten, klammert sich fest an dem Vorsatz und brennt vor Begierde nach dem Wagen.“

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♦3.4 Interpretation – Die bedeutsame Metamorphose im Phaethonmythos*

Im Folgenden lautet die nun zu beantwortende Frage, aus welchem Grund ausgerechnet in der längsten Verwandlungssage der gesamten Ovidischen Metamorphosen die essentielle Verwandlung des männlichen Protagonisten fehlt. Es existiert sehr wohl eine Version, die von einer Metamorphose Phaethons in einen Stern berichtet. [32] Vermutlich war Ovid aufgrund seines großen Wissensspektrums die Mythographie betreffend die besagte Version durchaus bekannt. Dies demonstriert er spielerisch am beiläufig erwähnten Nebensatz, Phaethon stürze „ut stella de caelo“ [33]. Demzufolge hat er willentlich aus Gründen, die im Folgenden genannt werden, einen anderen Verlauf der Geschichte bevorzugt.

Ovid zieht einen roten Faden durch die Phaethongeschichte, welcher allerdings verloren ginge, wenn der Katasterismos Phaethons ergänzt werden würde. Jupiter ließ auf Tellusʼ Bitte hin Phaethon, getroffen von einem Blitzstrahl, in den Eridanus stürzen. Wenn er den jungen Knaben in die Ebene des Überirdischen hätte emporheben wollen, indem er diesen in einen Stern verwandelt, muss zuvor in seinem Innersten eine Gefühlsregung ausgelöst werden. Die Voraussetzung für den plötzlichen Sinneswandel Jupiters könnte einzig und allein das Gefühl des Mitleids für den zuvor Bestraften sein. Doch wie hätte eine solche Wende, eine derartige Verhaltensänderung des Göttervaters plausibel initiiert werden können? Wegen der erzählerischen Logik könnte Ovid folglich diese Verwandlung ausgespart haben, denn die durch Mitleid ausgelöste Belohnung für Phaethon in Form des unsterblichen Daseins als Stern ist nicht zu rechtfertigen.

Des Weiteren legt Ovid in seiner Version der Phaethonerzählung großen Wert auf die Menschlichkeit der Figuren. Beispielsweise wird die Sterblichkeit Phaethons oftmals hervorgehoben. Obwohl dieser der Sohn des Sonnengottes Sol ist, bleibt er doch nur ein Normalsterblicher. Sol erinnert seinen Sohn nachdrücklich daran: „sors tua mortalis“ [34]. Welch große Relevanz dieser Sachverhalt für Ovid hat, beweisen die wohldurchdachten Worte der von Nymphen verfassten Grabinschrift, die Ovid ihnen in den Mund legte: „Hic situs est Phaethon currus auriga paterni // quem si non tenuit magnis tamen excidit ausis“ [35]. Hier soll die menschliche Waghalsigkeit und das klägliche Scheitern hervorgehoben werden. Außerdem betont Ovid das Mitgefühl der Familienmitglieder des Toten. Beispielweise quälen Schuldgefühle den unglücklichen Vater Sol: „Nam pater obductos luctu miserabilis aegro // condiderat vultus“ [36]. Die weinende Klymene umarmt verbittert den Grabstein ihres Sohnes [37] und die Klagen der Schwestern dürfen nicht übersehen werden: „Nocte dieque vocant adsternuntque sepulcro.“ [38]

Ein möglicher Einbezug der Verstirnung würde demnach nicht mit seinem vorher ausgeklügelten Konzept psychologischer Verbindungen und Anordnungen harmonieren, denn der psychologische Aspekt Ovids ginge verloren und die  Klagen der Angehörigen wären unbegründet. Außerdem verliert die von den Göttern vorgetragene Bitte an Sol, seinen Sonnenwagen zu lenken, um die Welt zu erhellen, aufgrund dessen ihre Berechtigung.

Der wichtigste Aspekt für Ovids Entscheidung gegen die Verstirnung dürfte jedoch die Einordnung in das Gesamtwerk gewesen sein. In der Phaethonerzählung spielen die Seite an Seite existierenden drei Weltsphären eine bedeutende Rolle. Diese Ansicht wird erstmals in der Ekphrasis [39] der Regia Solis – akzentuiert durch die bewusste Positionierung des Textabschnitts zu Beginn des zweiten Buches – dargestellt: „Nam Mulcibur illic // aequora caelarat medias cingentia terras // Terrarumque orbem caelumque, quod inminet orbi.“[40]

In der Beschreibung des Weltenbrands aus der an Jupiter gerichteten Klage der Erdgöttin ist die Einteilung der Sphären in Erde, Wasser und Himmel zu vernehmen. Dieses Motiv stellt eine enge Beziehung zum ersten Buch der Metamorphosen her, denn Ovid beschreibt die Entstehung der Welt aus dem Chaos durch die Schaffung der drei Sphären Erde, Wasser und Himmel: „Nam caelo terras et terries abscidit undas // et liquidem[41]. Dies ist das Ovidische Erklärungsmodell zur Weltentstehung, auch bekannt unter dem Begriff Kosmogonie. Die klar voneinander abgegrenzten Bereiche lässt die eintretende Sintflut aber miteinander verschmelzen [42].

Bevor sie den Kosmos zu zerstören droht stellt Jupiter, durch dessen vehemente Maßnahme die Welt vor der Vernichtung bewahrt wird, das Gleichgewicht der Erde wieder her. Doch nun scheint die alte Weltordnung erneut erschüttert zu werden, da Phaethons leichtfertiges, durch Hybris verursachtes Handeln die Welt in Brand setzt. So wird die Sintflut nun von einer Katastrophe in Gestalt von Feuer abgelöst. Schon im ersten Buch der Metamorphosen wird auf die parallele Entwicklung verwiesen, denn der Erzähler macht Anspielungen auf das zukünftige Schicksal der Welt, indem er ein wütendes Feuermeer prophezeit, das die Erde zerstören soll: „Esse quoque in fatis reminiscitur adfore tempus // quo mare, quo tellus conreptaque regia caeli // ardeat, et mundi moles obsessa laboret[43]. Ebenso ist in der Phaethonerzählung selbst eine Andeutung in der Klage der Tellusʼ zu finden, denn sie warnt vor einem Rückfall in den urzeitlichen Erdzustand.[44]

Der Lehre des griechischen Philosophen Pythagoras folgend, welcher die Formel „omnia mutantur, nihil interit“ [45] entwickelte, fasst Ovid demzufolge sowohl die Weltkatastrophen als auch die Kosmogonie als Metamorphose auf. Ovid möchte durch das Auslassen der „persönlichen“ Verwandlung Phaethons auf eine seiner Meinung nach viel wichtigere Metamorphose hinweisen: der Verwandlung des Chaos in den Kosmos. Für letzteren besteht jederzeit die Gefahr, durch eine wie von Phaethon herbeigerufene Katastrophe in das alte Chaos zurückzufallen. Die Ausgangsfrage, weshalb die Verstirnung Phaethons in der Ovidischen Version nicht erscheint, wird insofern beantwortet, dass die Phaethongeschichte sehr wohl eine Metamorphose beinhaltet: Die Rückverwandlung des Kosmos in das Chaos, die nur durch das Eingreifen des Göttervaters auf Kosten von Phaethons tragischem Tod ein weiteres Mal verhindert werden kann. Diese Besonderheit verleiht der Erzählung selbst innerhalb der Metamorphosen noch eine das Gesamtwerk bestimmende Bedeutung.[46]

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* Folgender Abschnitt bezieht sich im Wesentlichen soweit nicht anders angegeben auf S. Döpp, Werke Ovids, München 1992, 142-154.
[32]
Der Epiker Nonnos berichtet von dieser Version des Phaethonmythos in seinem 5.Jh. n. Chr. enstandenen Epos Dionysiaka. S. Döpp, Werke Ovids, München 1992
[33]
Metamorphose II, 321: Übersetzung: „Er stürzt wie ein Stern vom Himmel.“
[34]
Metamorphosen II, 56: Übersetzung: „Sterblich zu sein ist dein Los.“
[35]
Metamorphosen II, 327f.: Übersetzung: „Phaethon ruht allhier, der den Wagen des Vaters lenkte, meistern konnte er ihn nicht und stürzte. Doch groß war sein Wagnis.“
[36]
Metamorphosen II, 329-330: Übersetzung: „Denn der Vater, der Arme, verzehrt von bitterem Leid, hatte das Gesicht verhüllt.“
[37]
Vgl. Metamorphosen II, 338f.: „Incubuitque loco nomenque in marmore lectum // perfudit lacrimis“  Übersetzung: „Die Mutter stürzte nieder und umströmte mit Tränen den Stein, der den Namen trug.“
[38]
Metamorphosen II, 343: Übersetzung: „Tage und Nächte werfen sie [die Heliaden] sich weinend am Grabe zu Boden.“
[39]
Ekphrasis ist eine detailgenaue bildliche Beschreibung.
[40]
Metamorphosen II, 5-7: Übersetzung: „Denn Mulcibur hatte hier in Relief die Meere geformt, die die Erde umgürten, auch den Kreis der Länder, darüber den Himmel sich wölbend.“
[41]
Metamorphosen I, 22f.: Übersetzung: „Ein Gott schied Himmel und Erde, Erde und Wasser.“
[42]
Vgl. Metamorphosen I, 291: „Iamque mare et tellus nullum discrimen habebant.“ / Übersetzung: „Völlig verwischen die Grenzen, wo Meer und Erde sich scheiden.“
[43]
Metamorphosen I, 256-258: Übersetzung: „Auch erinnert er sich, es stehe im Buche des Schicksals, einmal werde das Meer, die Erde, die himmlische Feste brennen, der Weltenbau umlagert dem Feuer verfallen.“
[44]
Vgl. Metamorphosen II, 299: „in Chaos antiquum confundimur“ Übersetzung: „Es schleudert uns in das uralte Chaos!“
[45]
Metamorphosen XV, 165: Übersetzung: „Alles wandelt sich und nichts geht unter.“
[46]
Vgl. S. Döpp, Werke Ovids, München 1992, 151-154.

§4


4. Der Phaethonmythos bei Magda van Tilburg

♦  4.1 Die Illustratorin Magda van Tilburg*

Die niederländische Altphilologin und Künstlerin Magda van Tilburg, geboren am 26. Juni 1954 in Amsterdam, kann sich noch gut an den Gedanken erinnern, als sie das erste Mal einen Bleistift in der Hand hielt: „Creating my own visual world! That opened the source of my fantasy.“[48]

Interessiert an den Mythen der Antike besuchte sie die Universität in Amsterdam, die sie 1978 mit einem Bachelor in „Klassische Sprachen und Literatur“ verließ. 1984 beendete sie die Gerrit Rietveld Akademie als Illustratorin. Im Laufe der Jahre verschmolz ihre Handarbeit mit der Computerprogrammierung, daher ist sie auch unter dem Namen „Magdigit“ bekannt. Über die Jahre hinweg illustrierte sie zahlreiche Bildungs-, Kinder- und Bilderbücher. Dabei ging aber ihre Leidenschaft für die Antike nie verloren, so dass sie sich bald hauptsächlich den Klassikern zuwandte. Folglich fing sie die Reihe Antiqua Signa an. Dank ihr existieren Comics mit lateinischen Originaltexten und grafischen Zeichnungen. In extravaganten Farbbildern bietet van Tilburg in Erzähltexten einen Zugang zu lateinischen Versen. Zuerst widmete sie sich der Liebesgeschichte Dido et Aeneas von Vergil. Kurze Zeit später veröffentlichte sie die Phaethonepisode aus dem zweiten Buch der Metamorphosen von Ovid, welche im Folgenden mit der Ovidischen Version des Pahethonmythosʼ verglichen wird.

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* Folgender Abschnitt bezieht sich im Wesentlichen soweit nicht anders angegeben auf http://www.magdavantilburg.com, aufgerufen am 15.08.2010.
[48]
Übersetzung: „Meine eigene visuelle Welt zu erschaffen! Das öffnete die Quelle meiner Phantasie.“

roze balk♦  4.2 Abweichungen zu Ovids Phaethonmythos

Die Ovidische Phaethongeschichte bildet die Textvorlage für den von Magda van Tilburg kreierten Comic. Obwohl dieser mit dem lateinischen Originaltext versehen ist, lässt die Illustratorin aus ihrer Perspektive unbedeutende lateinische Verse weg. Damit verfolgt sie eine andere Absicht als Ovid und betont den psychologischen Aspekt.

Da die von Ovid verfassten lateinischen Verse von Buch I (747-779) beinahe gänzlich von der Altphilologin übernommen wurden, scheint gerade die Anfangsepisode des Phaethonmythosʼ für van Tilburg einen hohen Stellenwert zu haben. Indem der Beweggrund – das Verlangen, respektvoll behandelt zu werden –  für den Aufbruch zur Sonnenburg ausführlich dargestellt wird, kommt der psychologische Aspekt besonders zum Tragen.

Im Gegensatz zu dem Inhalt von Buch I wird der von Buch II (1-400) von Magda van Tilburg erheblich gekürzt. Dies ist schon zu Beginn des Zweiten Buches deutlich erkennbar, da sie die detailgenaue Beschreibung der Erde ausspart (II, 1-32). Sie beschränkt sich auf die prunkvolle Darstellung des Sonnenpalastes und stellt den auf dem goldenen Thron majestätisch sitzenden Sonnengott Sol vor, dessen Erscheinung Phaethon überwältigt. Das darauffolgende Gespräch  zwischen Phaethon und seinem Vater hat van Tilburg nahezu vollständig übertragen (II, 33-152).

Diese Textpassage ist von großer Bedeutung, da sie dem Leser das Gefühlsleben beider Figuren näherbringt. Anfangs scheint Sol in seiner Vaterrolle aufzugehen, weil er Phaethon freudig willkommen heißt und sofort die Vaterschaft anerkennt. Aber nicht nur an dem liebevollen Umgang, sondern auch an seiner wachsenden Besorgnis um seinen einzigen Sohn, der den sehnlichsten Wunsch nach einem Ritt mit dem Sonnenwagen äußert, ist erkennbar, dass Sol seiner väterlichen Verpflichtung nachkommt und diese erfüllt: „Utinam oculos in pectora poesses inserere et patrias intus deprehendere curas“ [49]. Mehrmals bittet Sol Phaethon sich etwas anderes zu wünschen, jedoch vergeblich. An dieser Stelle integriert van Tilburg die von ihr kreierten Verse in den lateinischen Kontext: „Quis Iove maior? Pater meus Iove maior! Quis Iovis filio maior? Patris mei filius Iovis filio maior!“ (Bild 21-24)[50]. Diese lateinischen Worte bestätigen die Behauptung, dass Epaphus Phaethon zu Beginn der Geschichte zutiefst gekränkt hat. Aufgrund dessen will Phaethon seine Würde und Ehre wiedererlangen und demonstrieren, welcher Göttersohn der Mächtigere ist. Nur widerwillig lässt Sol seinen Sohn den Wagen besteigen und verhält sich somit am Ende verantwortungslos. Er als der Erfahrenere hätte genau in dieser Situation hartnäckig bleiben müssen, weil es sich um das Wohl seines Sohnes handelt. Auch hier steht der psychologische Aspekt im Vordergrund.

Im Comic „Phaethon“ wird lückenhaft die Fahrt auf dem Sonnenwagen wiedergegeben (II, 153-207). Unbedeutend ist hierbei die Beschreibung der Fahrt, denn van Tilburg reiht die Begegnungen mit den verschiedensten angsteinflößenden Kreaturen nur aneinander. Viel wichtiger ist ihr Phaethons Gefühlsleben. Als auktorialer Erzähler fügt sie die prägnanten Worte „Ipse pavet!“ (Bild 41)[51] ein und lässt daraufhin einen inneren Monolog Phaethons folgen, welcher sowohl auf die zunehmende Angst als auch auf die wachsende Verzweiflung hinweisen soll: „Non, qua flectam habenas, nec scio qua sit iter. Nec, s..s..si sciam, imperem illis!“(Bild 41)[52] Hierbei erkennt Phaethon seine menschliche Determination und somit seine Unfähigkeit, den Wagen zu lenken. Bei der Begegnung mit dem entsetzlichen Skorpion lässt Phaethon die Zügel vor Schreck los, woraufhin die Sonnenpferde unkontrolliert auf die Erde zusteuern und diese in Brand setzen.

Statt die Ovidische Deskription des Weltenbrands (II, 208-271) wiederzugeben, welche detailreich über die physische Veränderungen der Berge, Wälder und Flüsse berichtet, fokussiert van Tilburg die weitaus bedeutenderen psychologischen Folgen und schildert diese mit bildhaften Beispielen: Hoffnungslos beweinen unter anderem Wassernymphen den ausgedörrten Nil. Der Meeresgott Neptun hingegen versucht vergeblich, gegen das glühendheiße Feuer anzukämpfen. Nur oberflächlich und bruchstückhaft wird der Weltenbrand beschrieben, auffällig ist jedoch, dass die Klage der Erdgöttin (II, 272-318) vollkommen in den Comic übernommen worden ist. Van Tilburg hebt somit diese Textstelle besonders hervor und betont die menschlichen Charakterzüge der Götter, denn Tellus beweint die Opfer der Katastrophe (Bild 55). Als Erdgöttin leidet sie unter den Qualen der Welt und der Geschöpfe. Mit letzter Kraft bittet Tellus Jupiter, das Elend endgültig zu beenden und stellt ihm eine provokante rhetorische Frage: „Si placet hoc meruique, quid o tua fulmina cessant, summe deum?“ (Bild 53)[53]. Da die Erde in den Urzustand zurück zu kehren droht, schleudert Jupiter einen Blitzstrahl an den Sonnenwagen und besiegelt somit Phaethons Schicksal (II, 319-328). Da Jupiter weinend den Tod des Jungen bedauert und sein Gesicht mit den Händen verdeckt, besitzt nicht nur die Erdgöttin menschliche Charakterzüge, sondern auch der Göttervater selbst. Hier existiert ein wesentlicher Unterschied zwischen der Ovidischen Version und der Comicrezeption von Magda van Tilburg, denn Ovid stellt Jupiter als mächtigen und gefühlskalten Gott dar, welcher erbarmungslos für das Wohl der gesamten Menschheit den Tod eines Einzelnen in Kauf nimmt.

Jedoch legt van Tilburg nicht nur großen Wert auf das allzu menschliche Verhalten der Götter, sondern stellt die Betroffenheit und Emotionen der Familienangehörigen des Toten in den Vordergrund, da sie die lateinischen Verse Ovids über die Verwandlungen und die Trauer der Beteiligten fast vollständig überträgt (II, 329-348). Beispielsweise bedeckt Sol an Phaethons Todestag aus Schuldgefühl sein Gesicht. Todunglücklich hält Klymene den Grabstein in ihren Armen und trauert um den Verlust ihres Sohnes. Auch ihre Töchter weinen Tag und Nacht: „Phaethon, nostras miseras querelas audi!“ (Bild 71)[54] Folglich werden sie in Pappeln verwandelt, wobei Klymene nur verzweifelt und hilflos das Fortschreiten der Metamorphose mitverfolgen kann. Sie muss jedoch nicht nur den Tod ihres Sohnes und den Verlust ihrer drei Töchter hinnehmen, sondern auch mit dem Schicksal ihres älteren Sohnes Cygnus umgehen können, denn dieser wird aufgrund der Abscheu gegenüber dem Feuer in einen Schwan transformiert (II, 349-380).

Die Klagerede von Sol (II, 381-400) kopiert van Tilburg restlos in den Comic und geht erneut auf die Gefühle Sols ein. Erst nach dem Tod seines Sohnes erkennt Sol sein Fehlverhalten und leidet zutiefst unter Schuldgefühlen. Er hat als Vater versagt und muss für die Konsequenzen seiner Tat büßen. Jedoch resultiert aus ursprünglichem Leid zunehmend Zorn über das falsche Verhalten des Göttervaters. Sol zeigt sich anmaßend und respektlos gegenüber Jupiter, dem Ranghöheren, und will zukünftig seiner Berufung nicht mehr nachgehen. Verletzt und wutentbrannt behauptet er, niemand außer ihm selbst könne den Sonnenwagen lenken und derjenige, welcher der königlichen Pflicht, die Welt vor der Finsternis zu bewahren, nicht gewachsen sei, verdiene nicht den Tod (Bild 90-93). Daraufhin entschuldigt sich Jupiter mit folgenden Worten: „Eheu, missos ignes excuso!“ (Bild 94)[55]. Als Sol jedoch weiterhin verbittert ist, befiehlt Jupiter Sol energisch und mit seiner vollen Autorität als König der Götter, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Rachsüchtig bürdet der Sonnengott die Last für das schreckliche Schicksalsende seines Sohnes den Sonnenpferden auf, die nun für ihre Eigensinnigkeit bestraft werden.

Auch die lateinischen Schlussverse Ovids, „Dat terrae gramina frondes arboribus, laesasque iubet revirescere silvas“ (Bild 97)[56] werden von Magda van Tilburg vollständig übernommen (II, 401-408), jedoch möchte sie dem Ovidischen Ende eine persönliche Note hinzufügen. Auf den letzten Bildern ist Klymene vor dem Grabstein und den drei Bäumen kniend zu sehen, wie sie für ein gutes postmortales Leben ihres Sohnes und ihrer drei Töchter betet. Auch Cygnus, welcher in Gestalt eines Schwans den goldenen Grabstein betrachtet, ist auf dem Bild zu erkennen. Hier scheint Klymene doch mit ihrem Schicksal als mittlerweile kinderlose Mutter zu recht zu kommen und nicht vor Bitterkeit und Trauer ein klägliches Leben zu führen. Sowohl die Lichtstrahlen, welche das Gebiet erhellen, als auch die prächtig erblühenden Bäume sind Symbol für Hoffnung, Frieden und Neuanfang. Auf dem letzten Bild ist die Unterwelt dargestellt, in der Phaethon neugierig das Gespräch zwischen Hades und seiner Gattin belauscht. Indem van Tilburg Phaethon ein letztes Mal in ihrem Comic erscheinen lässt, demonstriert sie dem Leser, dass er nach seinem Tod in der Unterwelt weiterlebt und wohlauf ist. Sie scheint Sympathien für den Protagonisten zu hegen und schließt die Geschichte mit einem „Happy End“ ab.[57]

Zusammenfassend kann man feststellen: Für van Tilburg ist der Weltenbrand und somit die bedeutsame Metamorphose nicht allzu wichtig, auch die Verwandlungen der Heliaden und des Cygnus sind irrelevant. Viel wichtiger war es ihr, die psychologischen Verhaltensweisen zu veranschaulichen und in den Vordergrund zu rücken, damit der Leser die Gefühle der Figuren nachempfinden kann.

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[47] Folgender Abschnitt bezieht sich im Wesentlichen soweit nicht anders angegeben auf http://www.magdavantilburg.com, aufgerufen am 15.08.2010.
[48]
Übersetzung: „Meine eigene visuelle Welt zu erschaffen! Das öffnete die Quelle meiner Phantasie.“
[49]
Metamorphosen II, 93: Übersetzung: „Oh könntest du doch in mein Herz sehen, könntest darin die Sorgen eines ängstlichen Vaters erkennen!“
[50]
Übersetzung: „Wer ist mächtiger als Jupiter? Mein Vater ist mächtiger als Jupiter! Wer ist mächtiger als der Sohn Jupiters? Der Sohn meines Vaters ist mächtiger als der Sohn Jupiters!“
[51]
Metamorphosen II, 169: Übersetzung: „Er selbst fürchtet sich.“
[52]
Metamorphosen II, 169: Übersetzung: „Ich kann die geliehenen Zügel nicht führen. Ich kenne nicht den Weg und wenn ich ihn kennen würde, könnte ich die Pferde nicht lenken.“
[53]
Metamorphosen II, 279f.: Übersetzung: „Ist es dein Wille und hab ich?s verdient, was säumst du mit deinen Blitzen, du höchster der Götter?“
[54]
Metamorphosen II, 342: Übersetzung: „Erhöre unsere erbarmungslose Klage!“
[55]
Metamorphosen II, 395f.: Übersetzung: „Ich entschuldige mich dafür, dass ich den Blitz entsendet habe.“
[56]
Metamorphosen II, 407f.: Übersetzung: „Er gibt der Erde Gräser, den Bäumen Laub und heißt den versehrten Wald wieder begrünen.“
[57]
Vgl. Korrespondenz mit Magda van Tilburg im Anhang auf Seite 29.

roze balk
♦  4.3 Sprachliche Ausgestaltung des Comics

Wie bereits oben erwähnt dienen die lateinischen Verse Ovids, welche die Illustratorin in Erzähl- und Sprechtext unterteilt, als Textvorlage für den Comic. Der Wechsel zwischen Erzähl- und Sprechtext ist kennzeichnend für einen Comic, wodurch dieser seinen außergewöhnlichen und individuellen Charakter erhält und die Geschichte auf den Leser spannungsgeladen wirkt.

Indem van Tilburg den dichterischen Erzähltext Ovids an einigen Stellen als Sprechtext wiedergibt, muss sie folglich sowohl Pronomina als auch Verbformen ändern. Hiermit versucht sie ganz essentielle Textpassagen hervorzuheben. Beispielsweise bedauert Phaethon es, den Sonnenwagen gelenkt zu haben: „Mallem equos numquam tetigisse paternos, iam cognosse genus piget, et valuisse rogando.“ (Bild 41)[58] Indem kein Erzähler, sondern Phaethon selbst diese Worte ausspricht, wird die Reue durch die neue Erkenntnis betont. Phaethon muss sich eingestehen, dass er nicht in fähig ist, diesen Wagen zu lenken: „Non, qua flectam habenas, neq scio qua sit iter. Nec, s..s..si sciam, imperem illis!“ (Bild 41)[59] Mit voller Absicht ist das Wort „si“, in Comic „s..s..si“ langgestreckt worden und soll verdeutlichen, dass Phaethon vor Furcht stottert. Die an ihn selbst gerichtete Frage, „Q…Q…Quid faciam?“ (Bild 42)[60],  drückt die pure Verzweiflung aus. Ein weiteres anschauliches Beispiel unterstreicht die Todesangst Phaethons, der auf dem brennend heißen Sonnenwagen sitzt: „Currus meos candescere sentio!“ (Bild 47)[61]

Ein weiteres Kennzeichen des Comics ist die einfache und schlichte Ausdrucksweise. Da Ovid ein grandioser Dichter der Antike war, besaß er das Handwerk, niveauvolle und künstlerisch ausgefeilte Dichtung zu kreieren. Indem er ausgeklügelte lateinische Verse verfasste, welche einem bestimmten Rhythmus entsprechen, besitzen die Werke Ovids einen extravaganten Stil. Um dem Charakter eines Comics gerecht zu werden, legt van Tilburg weniger Wert auf die Einhaltung des Hexameters, indem sie diesen aufspaltet und nur Bruchstücke eines Verses in einen Sprechtext umwandelt. Beispielsweise wurden folgende zwei Verse von Magda van Tilburg von der ursprüngliche Version „Avellit frondes; haec stipite crura teneri // illa dolet fieri longos sua brachia ramos.”[62] abgewandelt: „Apello frondes!“ – „Stipite crura tenentur!” – „Fiunt longos mea brachia ramos!” (Bild 75-76) Indem sie geschickt simple und kurze Sätze konstruiert, kann van Tilburg ihr eigentliches Ziel, die lateinischen Verse zugänglicher zu machen, erfüllen.

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[58] Metamorphosen II, 182f.: Übersetzung: „Ich bereue, dass ich je die Pferde des Vaters verlangte, dass ich die Herkunft erfuhr, die Erfüllung der Bitte ertrotzte.“
[59]
Metamorphosen II, 169f.: Übersetzung: „Ich kann die geliehenen Zügel nicht führen, ich kenne nicht den Weg und wenn ich ihn kennen würde, könnte ich sie nicht lenken!“
[60]
Metamorphosen II, 187: Übersetzung: „Was soll ich tun?“
[61]
Metamorphosen II, 230: Übersetzung: „Ich fühle den Wagen unter mir glühen!“
[62]
Metamorphosen II, Z. 351-352: Übersetzung: „Blätter reißt sie da ab. Die klagt, dass im Stamm ihr die Schenkel haften und die andere, dass die Arme zu langen Zweigen ihr werden.“

roze balk♦  4.4 Zur Aussagekraft der Bilder

Die Bilder des Comics geben nicht nur den Inhalt der Geschichte wieder, sondern verdeutlichen die Auffassung van Tilburgs und gestalten die Geschichte spannend und lebhaft. Diese besagten Zeichnungen unterscheiden sich jedoch grundlegend von gewöhnlichen Comicbildern, deren charakteristische Merkmale beispielsweise die Strichführung des Stiftes und die nicht naturgetreue Abbildung der Figuren sind. Die von Magda van Tilburg gezeichneten Bilder hingegen sind mit einem Computerbearbeitungsprogramm hergestellt. Des Weiteren ist im Gegensatz zu vielen gewöhnlichen Comics das Proportionsverhältnis der Figuren eingehalten, eine Tatsache, die die Bilder van Tilburgs hochwertig und lebensnah erscheinen lässt.

Die Präsentation der Figuren hängt wesentlich von ihren jeweiligen Charakterzügen und anderen besonderen Merkmalen ab. Da Sol beispielsweise mit seiner Präsenz und seiner körperlichen Stärke die Sonnenpferde bändigen muss, stellt die Illustratorin den Sonnengott als athletischen Blondschopf mit breiten muskulösen Schultern und mit markanten Gesichtszügen dar. Um diese schweißtreibende Aufgabe täglich zu meistern, muss ein junger, fitter Mann abgebildet werden. Da Phaethon der Sohn des Sonnengottes ist, ähnelt er optisch seinem Vater. Weil sich im Verlauf der Geschichte der Protagonist als stolzes, jedoch auch verletzliches und unreifes Wesen herausstellt, wird er als schätzungsweise siebenjähriger Junge porträtiert. Aufgrund seines kindlichen Körperbaus kann er folglich keinen Eindruck bei den Sonnenpferden hinlassen und den Wagen nicht lenken. Der Göttervater hingegen muss eine muskulöse Person sein, um imposant und mächtig zu wirken. Damit die geistige Überlegenheit gegenüber den anderen Göttern ausgedrückt wird, stellt van Tilburg ihn als etwas älteren Herrn dar. So versucht sie den Figuren schon beim ersten Anblick einen bestimmten Charakter zu verleihen.

Ein weiteres Mittel der bildlichen Darstellung sind die Farben, welche psychologische Gefühlsregungen zum Ausdruck bringen. Zum Beispiel verwendet van Tilburg zu Beginn der Geschichte absichtlich nur helle, freundliche Farben, um die Harmlosigkeit der Anfangssituation zu verdeutlichen. Im starken Kontrast dazu drückt die bewusst dunkle Farbwahl bei der Verwandlung der Heliaden eine düstere Stimmung, Verzweiflung und Trauer aus. Kombiniert man nun Farbe, die Präsentation der Figuren, Mimik und Gestik – die im gesamten Comic sehr ausgeprägt und ausdrucksstark sind – miteinander, so kann sich der Leser mit den Figuren der Geschichte identifizieren, da die Gefühle der Personen hervorgehoben werden. Beispielsweise tritt ein kräftiges Gelb bei den Bildern 11-16 hervor,  auf denen Phaethon die Sonnenburg betritt und seinen Vater umarmt. Das strahlende Gelb verknüpft mit dem glücklichen Gesichtsausdruck Sols betont die Unbekümmertheit und Freude des Vaters. Während des Gesprächsverlaufs äußert sich die Besorgnis des Vaters durch den Farbwechsel vom gelben zum lilafarbenen Hintergrund (Bild 12-24). Nach Phaethons Tod versinkt Sol aufgrund seiner Schuldgefühle in tiefe Verzweiflung (Bild 89-96). Die Dunkelfärbung des Hintergrunds spiegelt die innere Wut wider. Dabei ist das Bild 23 besonders hervorstechend, da Sol Jupiter anmaßend anklagt und der bösartige, in Lilatönen ausgemalte Gesichtsausdruck verknüpft mit den feuerroten Augen die wachsende und bald ausbrechende Rage verbildlicht.

Indem van Tilburg an einigen Stellen gewählt humorvolle Akzente setzt, gewinnt der Comic einen einzigartigen Charakter. Die Aussage der lateinischen Phrase „Sol oculis iuvenem, quibus adspicit omnia, vidit.“[63] will van Tilburg bildlich festhalten, indem sie dem Thron, auf dem Sol sitzt, ein Auge schenkt. Anfangs funkelt der Thron golden und scheint glücklich und neugierig zu sein (Bild 25). Am Ende verändert sich die Farbe des Throns jedoch in ein dunkellila und vergießt eine Träne, als Sol um den Tod seines Kindes trauert. Die Gefühle des besorgten und nun verbitterten Vaters werden hier unterstrichen (Bild 89). Bemerkenswert an diesem Sachverhalt ist, dass van Tilburg sogar einen Thron, eigentlich ein gefühlsloser Gegenstand, Emotionen empfinden lässt. Des Weiteren cremt Sol Phaethon kurz vor der Fahrt mit Sonnencreme Stärke Titan Faktor 700000 ein, damit sein Sohn wegen der strahlenden Sonne keinen Sonnenbrand bekommt. Phantasievoll stellt van Tilburg die lateinischen Worte „Atlas en ipse laborat // vixque suis umeris candentem sustinet axem.“[64] auf Bild 57 dar, worauf Atlas – gequält aufgrund der unerträglichen Hitze – die scheibenförmige Erde, auf der die leidende Tellus sitzt, auf seinen Schultern trägt.
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[63] Metamorphosen II, 32: Übersetzung: „Sol sieht den Jungen mit seinen Augen, die alles erblicken.“
[64]
Metamorphosen II, 296f.: Übersetzung: „Und sieh, wie Atlas sich quält und kaum die glühende Achse auf der Schulter erträgt.“

roze balk♦  4.5 Intention Magda van Tilburgs

ster-turqMagda van Tilburg ist bewusst von der Ovidischen Version des Phaethonmythosʼ abgewichen, um etwas Neues, Eigenes zu kreieren. Indem sie nur ausgewählte lateinische Verse in den Comic aufnimmt, stellt sie die psychologischen Verhaltensmuster und Gefühle der Figuren in den Vordergrund. Mit Hilfe der Vereinfachung Ovidischer Dichtung, indem sie komplizierte Konstruktionen und den dichterischen Hexameter auflöst und in schlichte Sätze umformuliert, schafft sie dem Leser einen Zugang zu dem lateinischen Text. Die Aussagekraft der Bilder nutzt sie, um Gefühlsregungen der Figuren zu verdeutlichen und den Inhalt phantasievoll wiederzugeben. Indem sie kleine bildnerisch humorvolle Akzente setzt, macht sie den Comic für den Leser interessant.

ster-turqMagda van Tilburg möchte die Literaturkunst der Antike wieder aufleben lassen und mit ihrer Arbeit Folgendes bezwecken:
„My goal is to distribute these books all over the world, preferable with translations, so that the classics are more accessible than ever!” [65]

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[65] Übersetzung: „Meine Absicht ist, diese Bücher überall auf der Welt vorzugsweise mit Übersetzungen zu publizieren, so dass die Klassiker zugänglicher sind als jemals zuvor.“ http://www.magdavantilburg.com , aufgerufen am 10.12.10.

§5

5. Aktualität des Themas – Ausblick [66]

Magda van Tilburg hat ihren Traum verwirklichen können, da sie den Bogen von antiker Dichtung bis hin zum kreativen Comic mit lateinischen Versen gekonnt spannt. Durch ihr Wirken bietet sie dem am Comic interessierten Leser einen Zugang zu oft schwerverständlichen antiken Stoffen. Nach Vollendung der Reihe der Classica Signa, die dem Charakter eines Comics durch Handzeichnungen sowie traditionelle Schwarzweißmalereien gerecht wird, jedoch aufgrund der noch nicht voll ausgebildeten Fähigkeit als Zeichnerin nur Amateurskizzen waren, folgte die durch ein Computerverarbeitungsprogramm professionell hergestellte Reihe der Antiqua Signa: Nachdem ihr erstes Kunstwerk Dido et Aeneas von Vergil auf Begeisterung stieß, ließ die Phaethonepisode von Ovid nicht lange auf sich warten. Im Anschluss darauf erschien der Comic mit dem Titel Curculio von Plautus.

Aufgrund des andauernden Erfolges soll die Reihe Antiqua Signa in naher Zukunft fortgesetzt werden. Somit demonstriert Magda van Tilburg, dass Werke aus der Antike heutzutage immer noch aktuell sein können.

Außerdem möchte sie ihre Comics mit englischen Übersetzungen veröffentlichen, damit auch Leser mit geringen oder nicht vorhandenen Lateinkenntnissen die kreativ gestalteten Comics verstehen und das Interesse für die lateinische Sprache geweckt wird.

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[66] Folgender Abschnitt bezieht sich im Wesentlichen soweit nicht anders angegeben auf die Korrespondenz mit Magda van Tilburg im Anhang, 25-35.


Literatur

Literaturverzeichnis

Primärquellen:

  • W. S. Anderson, Ovidius Metamorphoses, Leipzig 1985
  • M. v. Tilburg, Phaethon Ovidius, Bamberg 2009
  • Korrespondenz mit Magda van Tilburg, via Facebook

Sekundärliteratur:

  • F. Bömer, P. Ovidius Naso Metamorphosen – Addenda, Corrigenda, Indices, München 1988
  • H. Breitenbach, Publius Ovidius Naso – Metamorphosen – Epos in 15 Büchern, Zürich 1958
  • H. Canak und H. Schneider, Der Neue Pauli, Enzyklopädie der Antike, Band 8, Stuttgart 2000
  • H. Canak und H. Schneider, Der Neue Pauli, Enzyklopädie der Antike, Band 9, Stuttgart 2000
  • S. Döpp, Werke Ovids, München 1992
  • G. Fink, Meisterwerke kurz und bündig –  Ovids Metamorphosen, Zürich 2000
  • R. Granobs, Studien zur Darstellung römischer Geschichte in Ovids Metamorphosen, Frankfurt/Main 1997
  • K. Kusenberg, Rowohlts Monographien, Reinbek 1991
  • P. Plasberg, F. A. Brockhaus, Enzyklopädie, Band 17, Mannheim 1991
  • G. Rowohlt, Lexikon der griech. und röm. Mythologie, Reinbek 1974
  • E. Rösch, Ovids Metamorphosen, München 1980
  • U. Schmitzer, Zeitgeschichte in Ovids Metamorphosen, Stuttgart 1990
  • S. M. Wheeler, Narrative Dynamics in Ovidʼs Metamorphoses, Tübingen 2000
  • H. Wissmüller, Ovid – Einführung in seine Dichtung, Neustadt/Aisch 1987

Internetbeiträge:

  • http://www.magdavantilburg.com aufgerufen am 15.08.2010 / Bildercollage Classica Signa